Risiken des oertlichen Strassenverkehrs

In Sao Paulo fielen an etlichenr der zahlreich herumfahrenden Motorraedern und Mopeds scheinbar sinnlos montierte Antennen auf. Die Teleskopstangen sind nicht mit einem Radio oder Funkgeraet verbunden und ziemlich solide mit dem Lenker verbunden.

Beim Weg durch die Motoradhandelsstrasse fand sich dann eine ganze Sammlung davon in einem Fachgeschaeft. Sao Paulo ist eine gigantische Stadt, trotzdem haben sich einzelne Strassen und Bloecke rund um die Rua St. Ifigenia erhalten, die sich auf speziele Branchen konzentrieren. So gibt es Elektronikhandelsstrassen, Textilviertel und eben ein paar Strassen, in denen sich alles um motorisierte Zweiraeder dreht.

Hier gab es dann auch die Loesung, die zwar vorher schonmal erwaehnt wurde, aber irgendwie zu bizarr erschien: die Antennen sind keine Antennen sondern Abfanghaken, die dazu dienen sollen in Favela-Gassen auf Halshoehe des Motorradfahrers gespannte Draehte zu arretieren Schnüre von Kinderdrachen abzufangen, bevor sie den Fahrer toeten oder verletzen. Diese Raubmordmethode kam wohl Diese Art Unfälle kommt hinreichend gehaueft vor, dass ein signifikanter Teil der motorisierten Zweiradbesitzer sich damit ausgestattet hat. Die Drachenschnüre sind oft besonders imprägniert oder aus Kevlar, weil es ein Sport ist sich mit Lenkdrachen gegenseitig die Schnüre durchzuschneiden.

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Ein Besuch beim Garoa Hacker Clube

Wenn ich auf Reisen bin schaue ich immer gern bei oertlichen Hackerspaces vorbei. Die Hackerspaces sind sowas wie ein Stueckchen verteilte Heimat, man fuehlt sich sofort zu Hause, trifft immer interessante Leute die spannende Projekte betreiben und zur Not gibt es dort immer Internet und auch mal einen Loetkolben und ein Osziloskop. Persoenlich spannend finde ich die Organisationsformen und sozialen Gepflogenheiten.

In Sao Paulo gibt es einen Space, der bei kurzem Durchblaettern der Optionen sofort mein Interesse erregte: der Garoa Hacker Clube.

“Garoa” heisst etwa Nieselregen, nach einem durchaus haeufigen Wetterzustand in Sao Paulo. Das Logo des Clube ist dementsprechend. Der Clube ist organisiert, wie viele Hackerspaces in Europa auch – die Mitwirkenden poolen ihre Ressourcen und tragen jeweils einen Teil zur Miete bei.

Der Garoa Hacker Clube ist in einem sehr schicken Gebaeude untergebracht, in dem noch allerhand andere Digital/Kunst/Technik/Politik-Projekte beheimatet sind, der Casa Cultura Digital. Die Raeumlichkeiten sind durch die Kellerlage etwas beengt, aber sie koennen nach Bedarf die allgemein vorhandene Infrastruktur nutzen, wie etwa die Rumhaengecke mit vielen bunten Kissen.

Unser Besuch platzte in den gerade laufenden Ardunio-Workshop und ich habe dummerweise vergessen zu fragen, ob Bilder mit Gesichtern der Teilnehmerinnen (kein Schreibfehler) publikationfrei sind. Also gibts hier ein paar Bilder ohne Personen,

Eines der Projekte, an denen gearbeitet wird, ist die oben sichtbare Mechanik nebst Steuerung fuer eine CNC-Maschine. Ob es eine Fraese, ein Lasercutter oder ein Plasteprinter wird, stellt sich irgendwann spaeter noch heraus.

Ein wirklich cooles Langzeit-Projekt ist der Bau einer eigenen Flipper-Maschine. Sehr viel Mechanik daran ist selbstgebaut, lasergeschnitten oder gedruckt. Wer mal versucht hat, auch nur eine kleine Reperatur an einem Flipper durchzufuehren, wird zu wuerdigen wissen, was hier versucht wird.

Werkzeug und Teile sind in Brasilien schon im wesentlichen zu bekommen, allerdings nicht immer unproblematisch zu beschaffen, in der Regel nicht billig und oft nicht in bester Qualitaet. Die Hacker hier sind daher noch gut am improvisieren und vor allem auch teilen und einander aushelfen. Eines der Hilfsmittel ist ein Chip Exchange, wo man nicht benoetigte Chips hinterlassen und dafuer wieder welche mitnehmen kann. Praktischerweise ist das ganze auch gleich mit einem USB-Toter-Briefkasten fuer den offline-Datenaustausch kombiniert.

Ein paar Aufkleber aus dem CCC-Fundus blieben als Gastgeschenke da.

Im Austausch gab es eine schoene Idee zur Materialbeschriftung.

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Lokaler Lastentransport

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Die Stadt ist unglaublich voll mit Autos, die alle grossen Strassen tagsüber permanent verstopfen. Interessanterweise gibt es aber in den einzelnen Vierteln durchaus alternative Low-Cost-Transportmethoden. Hier eines der überall zu sehenden Lastenräder für den Trinkwasserspender-Kartuschentransport. Das Wasser aus dem Hahn ist eher misstrauenerregend und schafft es, gleichzeitig faulig und chlorig zu riechen, das Trinkwasserbusiness ist hier daher recht  umfänglich.

Das Lastenrad ist nicht so ganz der Traum eines TÜV-Prüfers, aber scheint seinen Dienst zu tun…

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Auf Reisen – Sao Paulo

Es ist ja immer wieder schön, nach einiger Zeit an einen interessanten Ort zurückzukehren und zu beobachten, was sich so verändert hat. Ich bin gerade für ein paar Tage in Sao Paulo, angesichts des harten Winters durchaus ein ganz angenehmes Timing. Gerade hab ich noch viel zu tun, daher erstmal nur ein paar Bilder.

Nachts bei Vollmond, Ausblick von der Dachterrasse des Hotels.

Der Blick zur anderen Seite. Hochhäuser gibt es hier in unglaublichen Mengen.

Der Grill in einer Churasceria. Das Fleisch wird auf Spiessen gegrillt und am Tisch in dünnen Scheiben auf den Teller geschnitten, immer die knusprige Aussenschicht. Die Fleischqualität ist exzellent.

Die Infrastruktur wuchert einfach immer weiter…

Auffällig auf den Mauern, insbesondere um die abgeschlossenen und bewachten Hochhäuser der etwas wohlhabenderen Schichten, aber auch auf den Einfriedungen von kleineren Häusern sind die Elektrodraht-Installationen. Ich dachte ja erst, es handelt sich dabei um die üblichen Alarmdrähte, aber mir wurde versichert, daß die Drähte tatsächlich Stromführend sind. Ob das mehr so im Bereich Weidezaun oder tatsächlich lebensbedrohlich ist, habe ich noch nicht rausbekommen können.

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My data is in the Stratfor dump – Everyone calm down, please.

About two dozen people were so nice to mail me that my account data is contained in the Stratfor data dump published by someone using the Anonymous label. The credit card has been blocked the moment I first heard that Stratfor has been 0wned, so I hope there is not too much in “donations” that I need to revoke. The password was intentionally primitive and is used no-where else. The physical adress listed there is of course not my real adress, so please don´t send late christmas gifts there.

So what about this hack? The media is currently going bonkers and are assigning all kinds of dangerous-sounding attributes to Stratfor. In reality, the company was more or less a sometimes well-informed, sometimes biased and way off foreign policy online-newspaper. They liked to make their business dangerous sounding, calling themselfes “private intelligence company” etc., like big boys do when they want to seem important. I subscribed years ago because it was a nicely compact way to stay informed on the worldview of a certain faction of the US foreign policy establishment. And sometimes George Friedmans way of geo-strategical analysis actually provided interesting insights.

So, please, everyone calm down. Sure, their client list contained an high quota of “military intelligence complex” companies (next to plenty of normal companies, journalists, NGOs etc.), but that is to be expected given their geo-strategy focus. I don´t know (yet) about the extend and methods of their private consulting business, but I guess we will learn about that very soon from the data in the dumps. I would be a bit surprised if there is something really sinister in there, but you never know.

Stratfors software sucked for years, confirmed now by them even storing everything and even the CVV in the account database, which is illegal. And from my limited interactions with their IT-staff (mostly not under my name) I got the distinct impression that there was the classic gap between limited knowledge and abilities and inflated egos at work. People used to game Stratfors discount schemes for years to obtain subscriptions for next to nothing or simply used the flaws in their handling of google indexing to read many of the posts. So Stratfor was not exactly an “hard target” but more a casual afternoon attack that got blown out of proportion by a bored press over christmas.

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Von den Stilen der Korruption

Jedes Land hat seinen spezifischen Stil der Korruption. In Süd- und Osteuropa begegnet man in der Regel dem, was man “schmieren” nennt. Gemeint ist das Beschleunigen oder Ingangsetzen von alltäglichen Handlungen von Amtsträgern oder anderen Menschen im Monopolpositionen. Befördert wird diese Alltagskorruption durch byzantinische Gesetze und Vorschriften, unklare bürokratische Prozesse und undurchsichtige Zuständigkeiten. Das Schmiergeld löst ein Problem und sorgt für den Wohlstand des Geschmierten, der seine Erträge oft mit seinen Vorgesetzten und dessen Vorgesetzten teilen muss. Auf der untersten Ebene sieht es dann so aus, wie an einer Grenze in Osteuropa, wo das Nichtdurchsuchen eines Urlaubsautos schon für fünf oder zehn Euro zu haben ist, zahlbar in bar in einer stillen Ecke der Grenzstation. Der Prozess ist klar, vorhersehbar und liefert mit hoher Wahrscheinlichkeit das gewünschte Ergebnis. Die Korruption ist zuverlässig, oft genug nimmt sie schon halb-offiziöse Züge an. Gerne wird dann euphemistisch von einer “Beschleunigungsgebühr” gesprochen, oder von einem “Stempelzuschlag” oder einer “Eilbearbeitungssteuer”.

Auf höheren Ebenen skaliert das Modell in diesen Ländern oft einfach weiter. Für einen grösseren Gefallen kassiert ein Minister dann eben ein paar Millionen in bar, gerne auch in Form von “Tantiemen” oder “Vermittlungsgebühren”. Je “zivilisierter” (oder “geregelter”) das Land wird, desto verdeckter wird die Durchführung der Zahlung. So muss dann zum Beispiel eine Firma aus der Verwandtschaft des Würdenträgers mit der “Projektsteuerung” für einen Bauauftrag betraut werden oder Material zu überhöhten Preisen bei einer entsprechend positionierten Zulieferfirma eingekauft werden. Die negativen Folgen solcher Zustände sind offensichtlich. Die öffentlichen Mittel werden vergeudet und privatisiert, es gibt de facto nicht einmal den Ansatz von Chancengleichheit. Die Eliten koppeln sich rapide ab, bei der Wahl in ein Amt geht es eigentlich nur noch um die Einkunftsmöglichkeiten. Der politische Prozess ist nur noch eine Farce, Ämter werden ge- und verkauft.

In Deutschland gibt es die Alltagskorruption von Amtsträgern natürlich auch noch. Gerade bei Bauprojekten und Einkäufen der öffentlichen Hand wird immer noch geschmiert, allerdings ist das ganze nicht so risikofrei wie anderswo. Es gibt Strafen, es wird gelegentlich ermittelt und tatsächlich auch nicht so selten verurteilt, wenn der Sachverhalt zu offensichtlich ist und es nicht um Grössenordnungen geht, bei denen die Beteiligten “too big to fail” sind. Die Korruptionszahlung weicht stilistisch oft auf indirektere Formen aus. Ein Klassiker ist etwa der Umweg über den Kunstmarkt. Erstaunlich viele Entscheidungsträger in Konzernen und Behörden haben etwa Familienmitglieder, die malen oder bildhauern. Ihre Werke sind auf dem freien Kunstmarkt nicht unbedingt der Renner, sie finden sich jedoch nicht selten in den Sammlungen von Banken oder Großkonzernen, angekauft für erstaunliche Summen und danach im Keller sicher vor peinlichen Blicken verwahrt.

Der typische Weg der Korruption hierzulande sind zum einen Drehtürmodelle, bei denen “zugängliche” Amtsträger später mit einträglichen Jobs in der Industrie versorgt werden. Ein schönes Beispiel sind etwa die Altersversorgungsposten in Aufsichtsräten und Beratergremien für die in Deutschland für die Einführung von Biometrie in Personaldokumenten zuständigen Politiker und Beamten nach deren Ausscheiden aus dem aktiven Dienst. Die “Landschaftspflege” des Herrn Flick hob die Korruption auf ein systemisches Level, bestochen wurden einfach alle, die irgendwas zu sagen hatten.

Zum anderen hat sich hier eine besonders perfide Variante der Korruption ist die direkte “Ausleihe” von Mitarbeitern der Konzerne an Ministerien. Dabei geht es auf der höchsten Ebene nicht mehr um konkrete Aufträge (obwohl auch das immer wieder vorkommt), sondern um etwas viel perfideres: die Änderung der allgemeinen Spielregeln zugunsten von einigen großen Unternehmen. Gesetze und “Reformen”, die etwa die Finanzbranche bevorteilten, gab es in den letzten Jahren in Deutschland reichlich: Riesterrente, Deregulierung von Firmenübernahmen und die Entfernung von einst aus gutem Grund eingebauten Bremsen in den Regeln für die Börsenzocker. Die sogenannten “Reformen” sind oft genug nichts als geschickt und weitsichtig angelegte Lizenzen zur weiteren Umverteilung von Geld von unten nach oben.

Nun beschäftigt das politische und juristische Deutschland die Frage, ob der Kredit, den der amtierende Bundespräsident in seiner Zeit als Ministerpräsident bekam, möglicherweise eine Vorteilsnahme war und was da möglicherweise noch aus dem Hannoveraner Sumpf hochgeblubbert kommt, während jetzt darin etwas intensiver herumgestochert wird. Auf der Metaebene wäre es ein interessanter Rückfall in primitivere Zeiten – sollte tatsächlich belegt werden können, daß es sich um einen quasi direkten Austausch von Geld gegen Gefälligkeiten handelte.

Wenn man sich das hannoversche Soziotop anschaut, so erscheint es nicht ganz unplausibel, daß eine direktere und unmittelbarere Korruptionskultur, als sie normalerweise von den Großkonzernen und -banken gepflegt wird, dort überdauert hat. Welcher eher “unverstellte” Stil dort gepflegt wird, lässt sich prototypisch an einem der Protagonisten der örtlichen Szene ersehen. Auch Wulff scheint passend in diesem Kulturkreis sozialisiert worden zu sein (Vorsicht, Link zur Bild-Zeitung).

Ich hoffe, die deutschen Medien kommen ihrer Aufgabe als “vierte Gewalt” hier nach. Man sollte sich jedoch angesichts der sicher auch danach weitergehenden systemischen high-level-Korruption nicht der Illusion hingeben, Deutschland wäre was Korruption angeht irgendwie besser als andere Länder. Es ist nur alles normalerweise etwas unauffälliger und feiner, als man es offenbar aus Hannover so gewohnt ist.

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