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Von den Stilen der Korruption

Jedes Land hat seinen spezifischen Stil der Korruption. In Süd- und Osteuropa begegnet man in der Regel dem, was man “schmieren” nennt. Gemeint ist das Beschleunigen oder Ingangsetzen von alltäglichen Handlungen von Amtsträgern oder anderen Menschen im Monopolpositionen. Befördert wird diese Alltagskorruption durch byzantinische Gesetze und Vorschriften, unklare bürokratische Prozesse und undurchsichtige Zuständigkeiten. Das Schmiergeld löst ein Problem und sorgt für den Wohlstand des Geschmierten, der seine Erträge oft mit seinen Vorgesetzten und dessen Vorgesetzten teilen muss. Auf der untersten Ebene sieht es dann so aus, wie an einer Grenze in Osteuropa, wo das Nichtdurchsuchen eines Urlaubsautos schon für fünf oder zehn Euro zu haben ist, zahlbar in bar in einer stillen Ecke der Grenzstation. Der Prozess ist klar, vorhersehbar und liefert mit hoher Wahrscheinlichkeit das gewünschte Ergebnis. Die Korruption ist zuverlässig, oft genug nimmt sie schon halb-offiziöse Züge an. Gerne wird dann euphemistisch von einer “Beschleunigungsgebühr” gesprochen, oder von einem “Stempelzuschlag” oder einer “Eilbearbeitungssteuer”.

Auf höheren Ebenen skaliert das Modell in diesen Ländern oft einfach weiter. Für einen grösseren Gefallen kassiert ein Minister dann eben ein paar Millionen in bar, gerne auch in Form von “Tantiemen” oder “Vermittlungsgebühren”. Je “zivilisierter” (oder “geregelter”) das Land wird, desto verdeckter wird die Durchführung der Zahlung. So muss dann zum Beispiel eine Firma aus der Verwandtschaft des Würdenträgers mit der “Projektsteuerung” für einen Bauauftrag betraut werden oder Material zu überhöhten Preisen bei einer entsprechend positionierten Zulieferfirma eingekauft werden. Die negativen Folgen solcher Zustände sind offensichtlich. Die öffentlichen Mittel werden vergeudet und privatisiert, es gibt de facto nicht einmal den Ansatz von Chancengleichheit. Die Eliten koppeln sich rapide ab, bei der Wahl in ein Amt geht es eigentlich nur noch um die Einkunftsmöglichkeiten. Der politische Prozess ist nur noch eine Farce, Ämter werden ge- und verkauft.

In Deutschland gibt es die Alltagskorruption von Amtsträgern natürlich auch noch. Gerade bei Bauprojekten und Einkäufen der öffentlichen Hand wird immer noch geschmiert, allerdings ist das ganze nicht so risikofrei wie anderswo. Es gibt Strafen, es wird gelegentlich ermittelt und tatsächlich auch nicht so selten verurteilt, wenn der Sachverhalt zu offensichtlich ist und es nicht um Grössenordnungen geht, bei denen die Beteiligten “too big to fail” sind. Die Korruptionszahlung weicht stilistisch oft auf indirektere Formen aus. Ein Klassiker ist etwa der Umweg über den Kunstmarkt. Erstaunlich viele Entscheidungsträger in Konzernen und Behörden haben etwa Familienmitglieder, die malen oder bildhauern. Ihre Werke sind auf dem freien Kunstmarkt nicht unbedingt der Renner, sie finden sich jedoch nicht selten in den Sammlungen von Banken oder Großkonzernen, angekauft für erstaunliche Summen und danach im Keller sicher vor peinlichen Blicken verwahrt.

Der typische Weg der Korruption hierzulande sind zum einen Drehtürmodelle, bei denen “zugängliche” Amtsträger später mit einträglichen Jobs in der Industrie versorgt werden. Ein schönes Beispiel sind etwa die Altersversorgungsposten in Aufsichtsräten und Beratergremien für die in Deutschland für die Einführung von Biometrie in Personaldokumenten zuständigen Politiker und Beamten nach deren Ausscheiden aus dem aktiven Dienst. Die “Landschaftspflege” des Herrn Flick hob die Korruption auf ein systemisches Level, bestochen wurden einfach alle, die irgendwas zu sagen hatten.

Zum anderen hat sich hier eine besonders perfide Variante der Korruption ist die direkte “Ausleihe” von Mitarbeitern der Konzerne an Ministerien. Dabei geht es auf der höchsten Ebene nicht mehr um konkrete Aufträge (obwohl auch das immer wieder vorkommt), sondern um etwas viel perfideres: die Änderung der allgemeinen Spielregeln zugunsten von einigen großen Unternehmen. Gesetze und “Reformen”, die etwa die Finanzbranche bevorteilten, gab es in den letzten Jahren in Deutschland reichlich: Riesterrente, Deregulierung von Firmenübernahmen und die Entfernung von einst aus gutem Grund eingebauten Bremsen in den Regeln für die Börsenzocker. Die sogenannten “Reformen” sind oft genug nichts als geschickt und weitsichtig angelegte Lizenzen zur weiteren Umverteilung von Geld von unten nach oben.

Nun beschäftigt das politische und juristische Deutschland die Frage, ob der Kredit, den der amtierende Bundespräsident in seiner Zeit als Ministerpräsident bekam, möglicherweise eine Vorteilsnahme war und was da möglicherweise noch aus dem Hannoveraner Sumpf hochgeblubbert kommt, während jetzt darin etwas intensiver herumgestochert wird. Auf der Metaebene wäre es ein interessanter Rückfall in primitivere Zeiten – sollte tatsächlich belegt werden können, daß es sich um einen quasi direkten Austausch von Geld gegen Gefälligkeiten handelte.

Wenn man sich das hannoversche Soziotop anschaut, so erscheint es nicht ganz unplausibel, daß eine direktere und unmittelbarere Korruptionskultur, als sie normalerweise von den Großkonzernen und -banken gepflegt wird, dort überdauert hat. Welcher eher “unverstellte” Stil dort gepflegt wird, lässt sich prototypisch an einem der Protagonisten der örtlichen Szene ersehen. Auch Wulff scheint passend in diesem Kulturkreis sozialisiert worden zu sein (Vorsicht, Link zur Bild-Zeitung).

Ich hoffe, die deutschen Medien kommen ihrer Aufgabe als “vierte Gewalt” hier nach. Man sollte sich jedoch angesichts der sicher auch danach weitergehenden systemischen high-level-Korruption nicht der Illusion hingeben, Deutschland wäre was Korruption angeht irgendwie besser als andere Länder. Es ist nur alles normalerweise etwas unauffälliger und feiner, als man es offenbar aus Hannover so gewohnt ist.

Some notes on winter blues

Every day has fewer hours of sunshine, the skies are getting greyer and darker on the northern hemisphere. Quite a few people are mentally affected by winter: longer periods of low energy, bad mood and/or feeling depressed. The medicine men call it “seasonally affective disorder”, most people call it winter blues. There are some telltale signs that you may be affcted as well.

General low energy and mood

When the bright period of the day gets significantly shorter, usually around the beginning of November, a significant segment of the population experiences decreased overall energy levels, low mood or even periods of depression. (The onset is often accelerated by the stupid and wasteful “daylight saving” switchback from “summer time”.) The peak of the problem is usually in January or February, when the memory of the last summer is just a vague glimmer and there are still so many months until it gets really bright again.

Eating too much or too little

Many people who suffer from seasonal mood lows tend to get fatter during the winter. The reason is quite simple: eating carbohydrates secretes more insulin in your blood, which raises the relative level of tryptophan, which raises the serotonin production in your brain, which makes you feel better for a moment. This is the so called “sugar flash”. So you tend to eat more carbohydrates (like chocolate and other sweets) in winter, because the serotonine makes you feel temporarily better. Of course all the energy in the additional carbohydrates you eat needs to go somewhere, and if you don´t burn it of by moving it stays on as fat.

(Updated)
The other extreme not eating at all or very little and irregularly during depressive periods. When energy levels have dropped so low that you can´t be bothered to care about this eating thing, you deny yourself even the temporary relief from the sugar/carbohydrate flash. Of course this will do nothing to get you out of the negative feedback loop as well.

Stimulants

Quite a few people try to compensate for their lack of energy in winter by consuming all kinds of stimulating pharmaceuticals from caffeine to ephedra up to cocain and speed. Not all stimulants work by the same pathways, but they generally tend to give you, at least temporarily, some energy and better overall feeling – even up to full-blown euphoria. The side effects of long-term use vary from generally tolerable (e.g. caffeine) to potentially quite serious in the case of some of the prohibted stimulant drugs. Some people who regularly use stimulants to cope with their depressed periods get suicidal tendencies. Their friends and relatives often don´t realise their happy surface is maintained by stimulants.

So if you observe yourself trying to overcome the lack of energy and reduced wellbeing in winter, with eating more and consuming more stimulating substances, please read on. If not, you might know some friends who show the symptoms.

I have some personal experience with the winter blues problem and experimented with various countermeasures over the last years. Below is my personal summary of results, from which you may benefit. I strongly encourage you to do your own searching and reading, which is why I don´t add a long list of references here as I don´t want to bias you. If you find interesting stuff, please put it into the comments. I have read quite a number of scientific studies on the subject which often seem to lead to contradicting results. But mostly they show that results are depending on study setup and analysis goals and that we simply don´t know enough yet about this subject. Experimenting and finding solutions that work for you is highly recommended. You have a decent chance to improve your life relatively easily without subscribing to theory A or belief system B or shelling out insane ammounts of money.

Attention: This short guide is NO replacement for professional therapy, it is just meant to inspire yout to try out simple measures which might improve your life. If you have depressed periods also during times when you get enough sun exposure or if your winter depression reaches the “cant leave the bed anymore”-level or if you are having suicidal thoughts, by all means go see a doctor very soon and talk to your friends about how you feel.

Causes

Our bodies have adapted to sunshine during evolution in many ways. Two mechanisms are especially important for the subject at hand – why do we feel shitty during winter?

Melatonin and Light

The first, relatively well researched mechanism is the Melatonin-Cycle. Melatonin drives our inner clock and regulates the sleep / wake rythm. If there is too much left in your system during the day, you are groggy, sleepy and unfocused. If there is not enough around when you want to sleep you are restless and have trouble sleeping. Melatonin is created in the pineal gland. Its creation is blocked by light, specifically of light in the 446–477 nm spectrum (blue-green). So during the brighter part of the year you get enough light in this spectrum to keep melatonin generation blocked during the day. But when the sky is grey and the days are short, this blocking mechanism is not as active as you would like.

Vitamin D3

The second thing dragging us down in winter, less well researched, is apparently the lack of vitamin D3 aka. Cholecalciferol. The vitamin is formed under exposure to UV-B light in the skin. During winter, the exposure to UV-B is substantially lower then during summer, so less vitamin D is formed in the skin. There are some theories on the exact mechanism how Cholecalciferol influences the mood and there are a number of studies that link lower vitamin D3 blood levels to depressive periods. So while the exact pathway of action is not yet fully understood there are sufficient indications that vitamin D3 plays a significant role in mood regulation.

Self-help methods

I have been experimenting with quite a number of methods over a couple of years. Some don´t work for me, some only work for a little while (probably pure placeboe effect) and some have unpleasant side effects that were not worth the positive effects. Here is what produced the most consistent results for me without bad side effects. Things may be different for you, so I encourage yout to experiment and find out what works for you.

Light

The most important method to improve your mood is to get enough light, especially in the critical blue-green spectrum around 446–477 nm. Whenever there is a clear day in winter, get out and expose as much skin as is temperature-appropriate. Turn your face towards the sun. Don´t use sunglasses. Try to catch the sun while it is higher up in the sky, light intensity is highest then. Try to change your everyday habits so that you can adopt a longer walk or a bit of just sitting in the sun and relaxing on days when the sun shines.

Since these clear and bright days tend to be few and far between in most areas in winter you can compensate to install a lot of artificial light. The brighter the better. Make sure you use fluorscent tubes that have a decent peak (and not a hole!) in the critical spectrum around 446–477 nm. “Full spectrum” or “daylight” tubes often have this spectrum characteristic, but not all of them. The better vendors have data sheets with spectrum plots, where you can see how much of the energy is actually radiated in the wanted melatonin-reducing spectrum. However, there are “daylight” and “full spectrum” tubes that are designed to look pleasant and “not so cold” but miss out on the critical part of the spectrum we want for our mood. So take a look at the datasheets and avoid tubes where the vendor does not provide a spectrum plot.

Another good option is to get a “light therapy” device, which is essentially a standalone light containing very bright fluoroscent tubes that in most cases have the desired spectrum covered. They tend to be a bit pricey but are a good option when youre not able to modify the overall light situation (at your workplace etc.). My personal preference here are Philips devices as they are long-lasting and dont flicker – something that can be quite unnerving in some of the lower-end products in the market. Philips also makes a nice but outrageously expensive little LED light called Golite Blu that is portable and in my experience quite effective. The light therapy devices are placed within your normal field of view, e.g. next to your screen. The nearer to you, the more intense the effect.

You should however not overdo it. There are some indications that especially blueish light of too high intensity may cause slow damage to the eye. Also take note that you are essentially manipulating your melatonin production and with that your sleep / wake cycle. Melatonin is very useful for many other things in the body, so while you indeed can lengthen your wake-time by applying the melatonin-blocking light for much longer then a normal summer day, you should not do that too often. Switch off the bright lights a couple of hours before you want to go to sleep. Some people experience that gradually raising light intensity at the start of their wake phase and reducing it towards the end works best for them. You should take the scientific approach and take notes, so you actually producing knowledge and get the ability to reproduce what you experience as good for you.

Another useful hint: when you entered the “dark phase”, meaning you want to go to bed or are already sleepy or sleeping, avoid exposure to the melatonin-killing blue-green light spectrum. If you need to go to the toilet at night or similar activities, try to structure things so that you only see redish and low intensity lights. That also means taping over blue LEDs in your various electronic devices in your sleeping room. Otherwise you will confuse your body unnecessarily.

Vitamin D3

In contrast to the rather well-researched influence of melatonin-bocking light there are relatively new and not so well researched indications that vitamin D3 is important for your mood as well. There are two ways of getting enough of it in winter. The first is to regularly visit a solarium that has – and this is important – tan beds with sufficient UV-B tubes. The drawback of this method are of course cost, risk of malign melanoma in your skin and various cultural challenges that may be associated with sun studios.

The second option is to add vitamin D3 to your diet. The traditional method is cod liver oil (Lebertran in german). The olfactoric side effects of cod liver oil and its production method make this option not the most attractive one to many people. In modern times you can also just buy a vitamin D3 supplement at the pharmacy for very little money. Most of the studies that actually detected positive effects seem to agree, that a dose of 800-1000 IU is appropriate for adults to show positive effects, however there are of course also studies that see positive effects at lower (e.g. 400 IU) or much higher (up to 6000 IU or more) doses. Since vitamin D3 in too high doses has a number of risks like distorted calcium absorption and resulting organ problems, the higher doses do not seem to be recommendable. Please tell your doctor if you start taking a vitamin D3 supplement, especially in higher doses, so he/she can check your blood from time to time to see if your body is experiencing any negative side effects from it.

Bodily activities

A tip for way better general mood and wellbeing is to excersize your muscles and do more sport. Your body produces lots of happyness-hormones during and after sports and these can be used effectively to counteract winter blues. The typical problem is of course that once the winter blues hits, the motivation for more movement and sport drops below zero. So maybe try the tips above to gather enough energy to get yourself motivated for some mood-improving activtities. The trick is to get into a positive feedback loop, not a negative one. Once down you will sink further, because things you could do to improve your mood require energy that you don´t seem to have. But if you can break that downward cycle by ordering yourself some lights and possibly some D3, use that energy to get even better by adding some muscle usage on top, you might be able to build a sufficient buffer of happiness in case some mishap or problem threatens to drag you down again. Don’t give up: surviving the dark winters in good spirits is a challenge that requires attention, creativity and patience.

Zu einer neuen rechtskonservativ-nationalen Partei – die Gerüchtelage

Im Gefüge des politischen Deutschland munkelt man schon seit geraumer Zeit vom Erscheinen einer neuen Partei rechts von der CDU – nennen wir sie der Einfachheit halber Neo-Nationale Partei, kurz NNP. Spätestens nachdem Sarrazin klargemacht hat, daß mit neuvölkischen Thesen und “man wird ja wohl noch sagen dürfen…” ein Wählerpotential von bis zu zwanzig Prozent zu erschließen ist und in der CDU der Unmut über den wertebefreiten Merkelschen Modernisierungskurs anhaltend und laut wird, reißen die Gerüchte und das Pläneschmieden nicht ab.

Ich verfolge das Schattenspiel schon eine ganze Weile und fand es nun an der Zeit, das Gesamtbild der Gerüchtelage, wie es sich mir gerade darstellt, mal aufzuschreiben, damit nicht irgendwann alle überrascht sind und von nix gewußt haben wollen. Die Informationen stammen vorwiegend aus vertraulichen Gesprächen mit Politikern, Beamten, Industriellen und anderen Teilnehmern des politischen Berlins, daher kann und werde ich nichts weiter zu Quellen oder Personen sagen. Was den Wahrheitsgehalt oder die Umsetzungswahrscheinlichkeit dieses oder jenen Details angeht, kann ich nichts prüfen oder falsifizieren, das muß jeder für sich selbst einschätzen. Ich kolportiere hier nur eine Sammlung von Gerüchten und Geschichten, wie sie mir erzählt wurden, zur allgemeinen Erheiterung und Entspannung ohne jeglichen journalistischen Anspruch.

Ausgangspunkt

Der Kern aller Ãœberlegungen zu einer Neo-Nationalen Partei ist die Herauskristallisierung eines Wählerpotentials, das stärker an nationalen Kategorien und Werten orientiert ist, nicht integrierte Migranten als gravierendes Problem ansieht, von den Globalisierungsverwerfungen und den Finanzkrisen überfordert und zunehmend benachteiligt und von den derzeit im Bundestag sitzenden Parteien nicht mehr angesprochen werden kann. Es sind nicht nur bildungsferne Dumpfköpfe, von denen wir hier reden, sondern durchaus Menschen mit Ausbildung und Berufen, die aber oft auf der Verliererseite der zunehmenden sozialen Spaltung der Gesellschaft sitzen, die etwas älter sind und “nicht mehr einsehen, daß Deutschland der ewige Zahlmeister ist und wir für alle mitrackern sollen”.* Ein nicht geringer Teil der potentiellen NNP-Wähler fällt sicher in die Kategorie “Law&Order-Mindestlohnempfänger”.* Angesichts der immer weiter verbreiteten prekären Arbeitsverhältnisse nimmt diese Gruppe automatisch immer mehr zu, auch unter ehemals gut ausgebildeten Leuten. Man kann diese Menschen als “Stammtisch” verachten und ignorieren, davon gehen sie aber nicht weg.

Parallel dazu hat sich in den hiesigen Eliten eine Denkrichtung etabliert, die die deutschen Interessen in Europa (Stichwort: Rettungsschirme) nicht genügend vertreten sieht und viele über die Zollunion hinausgehenden europäischen Verflechtungen für einen Fehler hält. Besonders bei den stark in Deutschland verwurzelten großen Mittelständlern, die nicht so post-national denken und agieren wie die internationalisierten Großkonzerne, werden die eher der Finanzbranche dienenden Aspekte der Globalisierung als katastrophal und veränderungsbedürftig empfunden. Und die Antwort für nicht wenige ist eben ein “nationaler Weg”, was die freundliche Umschreibung für deutsche Hegemonie in Europa ist. Diese Strömung ist eine logische Folge des Wiedererlangens der deutschen außenpolitischen Selbständigkeit unter Oberhoheit des Kanzleramts nach dem Ende der alliierten Kontrolle und der de-facto-Etablierung einer deutschen Wirtschaftshegemonie in Europa im Gefolge der Euro-Krise.

Die Kombination dieser beiden Gruppen bildet das intellektuelle, finanzielle und personelle Potential für eine mögliche NNP. Eigentlich sollten beide Gruppen in der CDU/CSU eine politische Heimat finden, jedoch laufen ihre Grundüberzeugungen dem unideologisch-flexiblen Machterhaltsopportunismus des Systems Merkel zuwider. Deswegen werden sie dort marginalisiert bzw. nur so weit wahrgenommen und integriert, daß die Hoffnung auf Durchsetzung ihrer Positionen nicht vollends stirbt und sie doch noch dabeibleiben. Der Frust über diesen Zustand ist groß, und genau darauf beruht auch die eigentliche Möglichkeit zur Bildung einer NNP: eine Abspaltung aus CDU/CSU für den organisatorischen Unterbau, kombiniert mit einer ideologischen Positionierung, die die Wieder-Erschließung des oben skizzierten Wähler- und Industriesupport-Potentials erlaubt. Was noch zum Erfolg fehlt, ist eine populistisch-charismatische Führungsfigur und ein erfahrenes politisches Team. Dazu mehr weiter unten.

Ideologische Ausrichtung

Für den ideologischen Unterbau einer NNP gibt es einige ganz klare Punkte, die sich aus der Zieldemographie, den Industrieinteressen und der aktuellen Situation ergeben:

1. nationale deutsche Interessen in Europa und der Welt durchsetzen,
2. Immigration nur noch nutzenorientiert zulassen, Wirtschafts-, Klima- und Krisenflüchtlinge abweisen,
3. Realwirtschaft gegenüber den Banken stärken, Zockerbanken regulieren und eindämmen,
4. sozial-(wert)konservative Ausrichtung bei gleichzeitiger Betonung individueller “Freiheit” ggü. dem Staat (“Leistungsbereitschaft muß sich lohnen”),
5. Stabilität, Verläßlichkeit und Sicherheit als primäre Werte und Ziele, Verlangsamung bzw. Verhinderung von allzu schneller Veränderung,
6. Law&Order-Betonung, mehr Sicherheitspersonal auf den Straßen, schärfere Gesetze (vor allem gg. Nicht-Deutsche).

Es wäre ein schwerer Fehler, sich der Illusion hinzugeben, daß die derzeitige eher links-liberale Dominanz auf den Occupy-Demonstrationen eine Garantie dafür ist, daß sich nicht eine moderne rechts-nationale Strömung oder Partei an die Spitze der Bewegung gegen den Zockerkapitalismus setzt. Ein kurzer Rückblick in die 20er und 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts zeigt, daß “Anti-Plutokratismus” ein Kernthema der Nazis war – nicht nur als Aspekt der antisemitischen Propaganda, sondern auch als eigener, schlagkräftiger Argumentationsraum. Folglich steht zu erwarten, daß eine NNP sich viele der Argumente der Occupy-Bewegung zu eigen macht und für strenge Bankenregulierung, vielleicht sogar bis hin zum umfangreichen Schuldenstreichen im Rahmen einer Eurozonen-Verkleinerung eintritt.

Eine am Rande interessante Frage wird die Positionierung zu den Themen Wachstum, Ressourcenknappheit und Klimawandel werden. Hier ist sowohl eine expansive (deutsche Interessen bedeuten Zugang zu Rohstoffen und Märkten, die müssen durchgesetzt werden) als auch eine nachhaltige (Ausrichtung von Wirtschaft und Gesellschaft auf geringeren Ressourcenverbrauch, geringes oder kein Wachstum) Strategie denkbar – oder auch eine populistische Kombination von beidem.

Wenn wir die derzeitige Entwicklung nur ein wenig weiterdenken, wird die Anzahl derer, die Stabilität um jeden Preis wollen, rapide steigen. Eine populistische NNP mit starker Unterstützung der Realwirtschaft könnte – mit ein wenig cleverer Propaganda – durchaus in der Lage sein, diese Stabilitätsillusion glaubhaft zu bedienen und zu versprechen.

Die propagandistische Herausforderung ist dabei keine kleine: Große Teile des Wählerpotentials werden eigentlich von der globalisierten Industriegesellschaft nicht mehr gebraucht. Sie trotzdem zu mobilisieren und ihnen die Augen zu verkleistern, um ihnen einzureden, daß die NNP auch die Globalisierungsverlierer vertritt, bedarf sicherlich eines Teams von Meisterdemagogen.

Wer erwartet, daß eine NNP in Deutschland primär ein Klon der vorwiegend auf Anti-Islamismus fußenden holländischen Wilders-Partei “Partij voor de Vrijheid” (PPV) werden wird, dürfte sich täuschen. Die Gründungsgeschichte der PPV hat viel mit der israelischen Likud-Partei zu tun. Es handelt sich wohl um den geglückten Versuch, zumindest in den Niederlanden dafür zu sorgen, daß eine aufkommende populistische Strömung durch das gezielte Setzen des Feindbilds “Islam” nicht antisemitisch ausartete. Der Anti-Islamismus a la Wilders ist in Deutschland nie zu so einem wichtigen Thema geworden, wie es nach dem Mord an Theo van Gogh in den Niederlanden geschah. Der deutsche PPV-Klon “Die Freiheit” dümpelt folgerichtig vor sich hin. Trotz Support aus Holland und Israel und initialer Aufmerksamkeitswellen scheitert die Neugründung an der als eher ideologisch verbohrt wahrgenommenen Konzentration auf den Anti-Islamismus und ihrem eher weniger hochkarätigen politischen Personal. Ich kann mich täuschen, aber das antiislamische Mini-Potential wird sich dann irgendwann sang- und klanglos einer NNP anschließen, die dadurch wieder zwei Prozent dazugewinnt.

Personen

Die Frage, welche Personen eine NNP anführen könnten, ist natürlich eines der Hauptthemen der Gerüchteküche. Der am häufigsten genannte Name ist zweifelsohne der von Karl-Theodor zu Guttenberg. Es gibt da zwar dieses kleine Problem mit dem erst zusammenkopierten, dann verlorenen Doktortitel, aber mir scheint, daß das die Zielgruppe nicht wirklich interessiert. Man muß dabei im Auge behalten, daß ihm die Satisfaktionsfähigkeit in den derzeitigen Eliten und der intellektuellen Presse bei einer politischen Wiederkunft egal sein könnte. Eine Kampagne wäre ausschließlich auf die zwanzig oder dreißig Prozent potentielle Wähler gerichtet. Unter dieser Prämisse will ich hier mal eine hypothetische Abfolge einer politischen Exhumierung von zu Guttenberg skizzieren:

Schritt 1: Allmählich wieder ins Gespräch bringen
Erste Ansätze davon sind bereits zu beobachten. Völlig unzusammenhängend hat BILD die zu Guttenbergs zu ihrem “Zeitung zu 9/11 in New York produzieren”-Event eingeladen und als Foto-Deko gefeatured. Kleinere Auftritte bei Karnevalsvereinen und ähnlichem dienen schon dazu, das Wasser zu testen. Demnächst dürfte es dann auch häufigere Erwähnungen durch Gesinnungsgenossen geben, ein paar Home-Storys aus den USA, ein paar Auftritte bei denen er nichts Konkretes sagt, natürlich an der Seite seiner Gattin, bei Wohltätigkeitsveranstaltungen und ähnlichem. Ziel dieses Schrittes ist, zu Guttenberg wieder als “zum Inventar der Republik gehörig” zu verankern. Es zählt einzig, was die das Zielpublikum ansprechenden Medien berichten. Nach und nach gerät die Doktorarbeit ins Vergessen, sie wird nur noch als Begleitsatz am Ende der Meldung erwähnt, wie ein nebensächlicher Fleck auf der Weste, der nach und nach verblaßt. Nicht geringe Teile des anzusprechenden Wählerpotentials haben ohnehin nie eingesehen, wo denn das gravierende Problem bei etwas Kopieren von Text gewesen sein soll.

Schritt 2: Die zerknirschte, aber ideenreiche Rückkehr
Der nächste Schritt, vielleicht im Frühjahr 2012, würde dann die offizielle Rückkehr sein. Dafür gibt es mehrere mediale Optionen. Mein Wetteinsatz läge auf einem Buch (wahrscheinlich wieder von einem Ghostwriter :-), das eine wortreiche Entschuldigung für den Doktor-“Fehltritt” enthält, kombiniert mit seelenforschender Küchenpsychologie-Selbsterkenntnis, der Betonung der äußerst schweren Zeit der fiesen Medienschelte für die gesamte Familie und die Kinder (!) und dem festen Vorsatz, die zweite Chance zu nutzen, die man natürlich einräumen müsse. Der zweite Teil des Buches würde sich dann sicher politischen Thesen widmen (siehe oben, Ideologische Ausrichtung), um zu Guttenbergs neue Rolle zu unterstreichen und klarzumachen, was die Wähler davon haben, ihn wieder willkommen zu heißen.

Schritt 3: Wiederaufbau
Mit dem Buch und den darin enthaltenen Thesen und Forderungen ginge es dann auf die übliche TV-Talkshow-Tour, auf Vorträge vor Industrievertretern und möglichen Spendern (praktischerweise hat zu Guttenberg genug Geld für eine Initialfinanzierung) und langsam, aber wohldosiert auf öffentliche Veranstaltungen vor potentiellem Wahlvolk. Ich vermute, daß zu Guttenberg in dieser Phase noch nicht öffentlich die Intention zur Gründung einer NNP äußert, sondern dies der allgemeinen Spekulation überläßt, auch um sich alle Optionen (etwa die Übernahme der CSU) offenzuhalten. Die inhaltliche Distanz zur Union wird aber klargemacht und schrittweise vergrößert.

Es ist natürlich auch möglich, daß eine andere Person die Führungsgestalt der NNP wird. Mir fehlt nur gerade die Phantasie, jemand anderes in dieser Rolle so plastisch zu beschreiben. Eine ähnlich populismustaugliche Figur wie zu Guttenberg ist jedenfalls bisher nicht so recht sichtbar geworden. Falls die FDP-Befragung zum Rettungsschirm erfolgreich wird, könnte fähiges Personal dazukommen. Frank Schäffler etwa hat durchaus Potential, vielleicht könnten auch einige Mitglieder der FDP-Boygroup wiederverwendet werden. Ohnehin hieße ein Zerfall der FDP nochmal ein oder zwei Prozent mehr für die NNP.

Auch die Konservativen aus der Union, die jüngeren und die zweite Reihe aus dem Anden-Pakt, die in den vorgangenen Monaten in die Wirtschaft abgewandert sind oder schon vor Jahren von Merkel vergrault wurden, kämen als Mitstreiter der NNP in Betracht. Selbst Roland Koch würde wohl seinen lukrativen Job an den Nagel hängen, wenn er eine reelle Chance auf Macht bekäme.

Der erzählbare Geschichtenraum der NNP und ihre Attraktivität für Teile der derzeitigen Eliten hängt natürlich in nicht geringem Maße von der Person oder den Personen an der Spitze ab. Für den weiteren Gang der Ereignisse wäre jedoch die konkrete Person nahezu egal, solange eine personifizierte Projektionsfläche mit hoher Beliebtheit und Bekanntheit gefunden wird.

Wege zum Ziel, Komplikationen und Schwierigkeiten

Wie könnte nun der konkrete Weg zu einer NNP aussehen? Eine neue Partei zu gründen, ist in Deutschland kein kleines, aber ein durchaus machbares Unterfangen. Man benötigt Unterorganisationen in allen Bundesländern, möglichst bis in alle Kreise hinein. Wenn die Struktur dabei weniger den demokratischen Gepflogenheiten der existierenden Parteien folgt und eher zentralistisch orientiert ist, läßt sich sicher einiges an Arbeit sparen. Ganz wesentlich würde es natürlich helfen, wenn erfahrene Basisarbeiter aus anderen Parteien, vor allem der CDU/CSU überlaufen würden. Derzeit werden dafür drei Szenarien diskutiert:

Plan A: Putsch, Opposition, Säuberungen
Der für einige meiner Gesprächspartner heißeste Favorit ist ein Putsch gegen das System Merkel, vielleicht schon nach der Bayernwahl. Die Truppen dafür sammeln sich bereits. Ein Putsch würde nahezu zwangsläufig zu einem Verlust der nächsten Bundestagswahl (egal, ob erst 2013 oder schon früher) führen, dies wird jedoch eher als Vorteil angesehen. Zum einen müßte dann eine linke Regierung die unmittelbaren Krisenfolgen ausbaden, nicht die Rechte. Zum anderen wäre es viel leichter, in der Opposition die personellen Säuberungen von den Merkel-Proponenten durchzuführen und die Partei im Sinne einer NNP umzubauen. Abspalten würde sich dann eher eine moderate liberalkonservativ-opportunistische Partei im Sinne der heutigen Merkel-Linie. Diese könnte dann möglicherweise auch die Reste der FDP assimilieren und dann als Koalitionspartner bei den übernächsten Wahlen zu einer neuen konservativen Regierung zur Verfügung stehen.

Plan B: Abspaltung nach der Bundestagswahl
Der zweithäufig gemunkelte Plan ist eine Abspaltung aus der Union nach der nächsten Bundestagswahl. Der Vorteil wäre eine unmittelbare Präsenz im Parlament. Praktisch würde sich dieses Szenario ebenfalls nur umsetzen lassen, wenn es entweder eine linke Regierungsmehrheit gibt und die Union in der Opposition ist oder aber eine große Koalition regiert, die auch nach der Abspaltung noch regierungsfähig wäre. Den Verrat, die Union per Abspaltung aus der Regierung zu katapultieren, hält niemand für sinnvoll oder machbar. Der Plan B und C werden jedenfalls als Optionen für den Fall des Fehlschlages von Plan A gehandelt. Angesichts der jämmerlichen Geschichte von gescheiterten Putschversuchen gegen Merkel sehe ich die Erfolgswahrscheinlichkeit eines neuen Versuchs als eher gering an, aber vielleicht sind die Zeiten nun auch andere geworden.

Plan C: Abspaltung vor der Bundestagswahl
Der dritthäufigst genannte mögliche Ablauf ist eine recht bald erfolgende Neugründung der NNP (etwa nach zu Guttenbergs erfolgreicher Rückkehr). Viele vom Merkelismus enttäuschte Unionsanhänger, aber auch rechte SPDlern und sogar diverse Vertreter der Law&Order-Hausmeisterdemographie der Linken würden sich wohl anschließen und die neue Partei rechtzeitig vor der nächsten Wahl lebendig machen. Dieser Plan erfordert aber zum einen eine relativ baldige Gründung und zum anderen ein Durchhalten der derzeitgen Koalition bis zum nächsten regulären Wahltermin. Beides sind knifflige Voraussetzungen, weshalb Plan C wohl die geringste angenommene Umsetzungswahrscheinlichkeit hat, aber keineswegs komplett aus dem Rennen ist.

Finanzen

Kritisch für eine neue Partei sind natürlich die Finanzen. Das deutsche Parteienfinanzierungsrecht hält da einige Fallstricke bereit, die eine schnelle Expansion mit viel von außen hereingepumptem Geld verhindern sollen. In der derzeitigen Situation ist das aber durchaus umgehbar. Ein mehrfach genannter Weg ist die Verschiebung der offiziellen Parteigründung auf den technisch spätestmöglichen Zeitpunkt. Zuvor würde die NNP als Bewegung agieren, z. B. als Verein organisiert. Auf diese Weise könnten nahezu beliebige Geldmengen in Propaganda, Stimmungsmache und sogar schon lokale Vorfeldorganisation gesteckt werden. Einige Organisationen dafür sind ohnehin bereits vorhanden, existierende Propagandavereine könnten zweitverwertet werden. Selbst nach offizieller Gründung der Partei ließe sich die Umgehung der Parteispendenbeschränkungen fortsetzen, indem der Verein weiter bestehen bleibt und ideologische Propaganda im Sinne der NNP weiterführt.

Gerüchtehalber gibt es bereits konkrete Zusagen aus der deutschen Industrie für massive Finanzunterstützung für so etwas wie eine NNP. In der Öffentlichkeit wird gelegentlich Hans-Olaf Henkel als Schlüsselfigur bei der Organisation dieses Supports genannt. Jedoch scheint es da noch einige andere Personen zu geben, die effizienter, aber stiller agieren und angeblich bereits substantielle Mittelzusagen organisiert haben. An den Finanzen sollte es jedenfalls einer NNP nicht fehlen, insbesondere wenn das oben beschriebene Primat der Realwirtschaft und die Konzentration auf nationale Interessen die Kernpunkte der Agenda werden. Zur Not könnte es zu Guttenberg auch allein aus seinem Familienvermögen stemmen, Politik in Deutschland ist etwa im Vergleich zu den USA noch ziemlich billig.

Auswirkungen auf die Parteienlandschaft
Am Ende all dieser Planspiele stünde eine deutsche Parteienlandschaft mit zwei rechten Parteien. Auf der Metaebene bietet dies für das rechte Lage die Chance, insgesamt mehr Wähler zu mobilisieren, da sowohl die Anhänger der Merkelschen Opportunismus-Moderne als auch das national-konservativ-populistische Lager eingebunden werden könnten. Eine NNP würde viele derzeitige Nichtwähler einfangen und könnte wahrscheinlich sogar Wähler vom Sarrazin-Rand von SPD und Linken abziehen. Auch die Piraten würden sicher einen Teil des Protestwählerpotentials verlieren, wenngleich es wohl immer noch für den Einzug in den Bundestag reichen würde. Die deutsche Politik würde insgesamt nationalistischer, fremdenfeindlicher und empfänglicher für populistische Ideenwellen werden, da ja fast alle Parteien Abwanderungen ihres rechten Randes oder sogar den kompletten Zerfall fürchten müssten und entsprechend versuchen werden mitzuhalten.

Update: Die Zeit hat ein mehr Währungs-zentrisches Szenario mit der FDP als mögliche neue Keimzelle. Ich halte ja die Währung allein nicht für eine hinreichend tragfähige ideologische Basis, ich denke es wird ein breiterer “moderner”, aber fremdenfeindlicher Nationalismus werden, bei dem die Währung ein wichtiger Aspekt ist.

* So gekennzeichnete Zitate sind wörtliche Rede von Gesprächspartnern.

Hinweis für Kommentatoren: Ich bitte nachdrücklich um eine zivile Umgangsweise und das Unterlassen von fremdenfeindlichen Äusserungen. Ich werde mir missfallende Kommentare zu diesem Beitrag bedenkenlos nachträglich löschen oder den Thread gänzlich schließen, wenn es mir zu lästig wird. Wem das nicht paßt, der schreibe bitte in seinem eigenen Blog.

Alternativlos No. 20 mit Frank Schirrmacher über den Verfall der politischen Debatten. Mit Zensurpiepsern!

Fefe und ich machen Alternativlos ja primär, weil die Themen, über die wir reden, uns selber interessieren und weil wir jedes mal selbst eine Menge dazulernen. Vor einer Weile hatten wir vorsichtig bei Frank Schirrmacher, einem der Herausgeber der FAZ gefragt, ob er Lust hat eine Sendung mit uns über Demografie zu machen. Nachdem wir kurz das Konzept der Sendung erläutert hatten, war er dann tasächlch gerne bereit, es dauerte nur eine Weile einen Termin zu finden. Das Demografie-Thema ist eines der Lieblingsthemen Schirrmachers zu dem er ja auch schon viel publiziert hat. Aber relativ bald kristalisierte sich dann in den Vorgesprächen heraus, daß wir eigentlich ein Thema haben, daß uns alle noch mehr interessiert: den Verfall der politischen Debatte in Deutschland. Und so haben wir uns dann neulich zusammengesetzt und entstanden ist ein echtes Alternativlos-Highlight.

Die Diskussion war intellektuell ziemlich anregend. Im Laufe der Sendung kamen uns lauter Ideen und Gesprächsfäden die mit dem eigentlich vorbereiteten Ablauf nur noch so ganz grob zu tun hatten. Wir konnten einfach nicht umhin die Lage der Welt, wer Schuld an der Krise ist, die Motivation und Verantwortung von Politikern und Bankstern und natürlich auch Gegenwart und Zukunft der Piraten ausführlich zu debattieren.

Zwischendrin sind wir dann lustigerweise doch kurz bei der Demografie gelandet, nämlich bei der Frage welche Rolle das Durchschnittsalter einer Gesellschaft bei der Wahrnehmung und Bewältigung von Krisen spielt. Dazu gibt es noch einiges an faszinierenden Einsichten in Geschichte und Gegenwart des deutschen Politikbetriebes und der Medienmechanismen. Am Ende landen wir bei der Frage, wie es den nun weitergeht, wie wir uns als Gesellschaft am besten darauf verständigen können, was nach der Revolution / dem Zusammenbruch passieren soll. Definitv eine Alternativlos-Sendung, die man sich auch in ein paar Jahren nochmal anhören wird, weil sie ein bemerkenswertes Zeitdokument der geistigen Verfassung des Jahres 2011 geworden ist.

Achja, als Erheiterung zwischendurch haben wir ein paar “Jugendschutz”-Zensurpiepser über Äusserungen, die historisch bedeutsame deutsche Politiker so übereinander getätigt haben, als Anregung mal ein wenig jüngere Geschichte nachzulesen. Viel Spass beim hören!

Talking with Daniel Suarez

Yesterday the Frankfurter Allgemeine Zeitung published a long e-mail interview that I had the privilege to conduct with Daniel Suarez, author of the books Daemon and Freedom(TM) in english and Deutsch.

English version of the interview

Deutsche Version des Interviews

As most people, I came to his books by recommendation of a friend. I was reading the first Book – Daemon – on a long plane trip and finished it just in time for a stopover landing. It ends in the mother of all cliffhangers, so I needed to get the sequel – Freedom(TM) (aka. Darknet in Germany) now. Ironically, thanks to functioning wireless data networks I was able to get it to my ebook reader by literally pressing it to the plane window for better coverage, just before the plane lifted off again, but barely so. After that I told everyone that they really need to read the books. They are Snowcrash-grade good, which is something I don´t say lightly as it only happens once or twice in a decade.

The interview stretched as a on-off side-task over several weeks because we were both busy with work and various issues and also needed time to think about things. That had the positive effect that the topics are far-ranging and not just off-the-cuff canned stuff. We agreed from the beginning that I would not ask the usual boring book questions (“… how did you came to writing…”), because our time would be wasted and I was much more interested in the deeper thinking that very clearly is the driving force behind Suarez writing.

During the interview I was very happy to see that I am not the only one who thinks about something like a “High-Tech Communities 3.0” concept that possibly could be the base for a way out of our current mess. The exchange on the mad corporate drive for efficiency as the core root of evil in our world had a crisp clearness that I was missing from so many debates lately. It is by no means a new idea, but we need to put the important thoughts into clear, simple words from time to time to be able to build on them. Daniel Suarez has that gift.

Of course the usual accusations of pessimism (and even hopeless romanticism…) have been brought forward by the usual boring, grumpy and frustrated people by now. I have seldom cared less, as one thing became very clear to me: you can stay with the spirit of the last decade and indulge in fruitless complaining, deconstructing and belittling of every idea brought up to save mankinds existence and freedom. Or you can understand that radical concepts are needed now and that they need to be tried out soon, because the economic and political system we currently have is obviously getting more and more incompatible with both the physical resource base of our planet and the inherent power of our current and future technologies. Its your choice.

Der TomTom-Fall

TomTom, einer der Marktführer im Bereich Autonavi-Geräte, hat Tracking-Daten an die holländische Polizei verkauft. Die hat damit ihre Radarfallen-Aufstellung optimiert.

Wie TomTom an Tracking-Daten seiner User kommt? TomTom hat verschiedene Navi-Produkte (soweit ich weiß die LIVE-Serie), die über ein eingebautes GSM-Modem (also quasi ein Mobiltelefon) Daten übertragen können. Richtung Auto werden damit Stau-Informationen und Updates übertragen, Richtung TomTom fliessen Positionsinformationen, die u.a. benutzt werden, um Staus zu detektieren und Durchflußprognosen zu erstellen. Für einen Navi-Hersteller sind GPS-basierte Daten aus den Autos sehr viel nützlicher als die zellbasierten Verkehrslagedaten, die die Mobilfunkanbieter (und demnächst dann wohl auch Apple…) haben, weil auch kleine Staustellen besser zu detektieren und den Fahrbahnen und Richtungen zuzuordnen sind. TomTom verspricht natürlich, daß die Daten anonymisiert sind und nicht einem individuellen Navi-Gerät zuzuordnen sind. An dieses Versprechen kann man glauben oder nicht, gerade bei akkumulierten präzisen Lokationsdaten ist Anonymisierung echt schwierig, weil die Endpunkte von Routen meist auf Adressen zeigen, die wiederum Personen zuzuordnen sind.
TomTom sollte jedenfalls ausser blumigen Versprechen zügig offenlegen, wie die Daten genau aussehen, die es da erhebt und verkauft, damit sich die Nutzer ein Bild machen können, wie gut die Anonymisierung / Aggregierung wirklich ist. Die Firma hat jedenfalls das Vertauen ihrer Nutzer grob gebrochen (dazu muß man wissen, daß TomTom auch Informationen zu Radarfallen in einigen Produkten integriert und per crowd-Update aktualisiert).

Was die Nutzung angeht, da wird es spannend. In Holland gibt es gefühlt mehr Radarfallen als Bäume. Das die Polizei die nun bevorzugt dahinstellt, wo die TomTom-Daten darauf hinweisen das mehr Leute rasen finde ich ehrlichgesagt nicht weiter schlimm. Ich würde das wohl an Stelle der Polizei auch so machen. Man kann sich sicher trefflich über den Sinn und Unsinn und die eigentliche Motivation von Radarfallen streiten, insbesondere in Gegenden wo die Gebühren große Teile des Gemeindebudgets abdecken. Das interessiert mich aber eigentlich nicht.

Spannender (unter der naiven Annahme, daß die TomTom-Daten tatsächlich anonymisiert wurden) ist die Frage, was über unser kollektives Verhalten herauszufinden ist (klare Antwort: extrem viel) und nach welchen Regeln und Ãœbereinkünften wir dieses Wissen verwenden. Soll alles was gewußt werden kann auch zur weiteren Optimierung und Effizienzsteigerung verwendet werden? Wenn ja, mit welcher Begründung, welchem übergeordneten Ziel, zu wessen Nutzen und Gewinn? So ein emotionales Thema wie Radarfallen ist da vielleich tatsächlich ein guter Ausgangspunkt um aus den luftigen Abstraktion wegzukommen…

Raus aus den Schützengräben!

Der CCC hat heute zusammen mit iRights ein neues Modell für die Vergütung von Kunst, Kultur uns schöpferischen Werken im Digitalzeitalter mit dem Arbeitstitel Kulturwertmark vorgestellt.

Das primäre Ziel des Konzepts ist ein Aufbrechen der festgefahrenen Debatte, die seit einigen Jahren grob in zwei Lagern festgefahren ist. Auf der einen Seite sind die Verwerter und ihre politische Lobby, die eine immer weitergehende Einschränkung von technischen und kommunikativen Freiheiten, restriktive Strafverfolgung von Filesharing und nutzerfeindliche Geschäftsmodelle durchdrücken, um den Status quo zu sichern. Auf der anderen Seite stehen die Nutzer, die immer weniger Verständnis dafür aufbringen können, daß sie für Inhalte so viel Geld ausgeben sollen und dafür auch noch gegängelt werden und sich dann eben einfach digitale Kopien irgendwo im Internet besorgen.

Zwischen den Fronten zerrieben werden dabei die Kreativen, die Autoren und Musiker, bei denen immer weniger Geld ankommt und die einerseits zunehmend weniger Lust haben, das Spiel der Verwerter mitzuspielen und sich in einem Kampf gegen ihre Hörer und Leser instrumentalisieren zu lassen aber andererseits auch nicht von Luft und Liebe allein ihre Gitarrensaiten kaufen und ihre Miete bezahlen können.

Schöpferische Werke leben von Aufmerksamkeit, daher beruht die Kulturwertmark zwar auf einem universellen finanziellen Beitrag aller Nutzer, der dann aber Hilfe von anonymem Micropayment von jedem selbst verteilt werden kann. Es wird also de facto ein zweiter Markt für Kunst und Kultur mit einem garantiertem Mindestvolumen geschaffen. Die Trägerstruktur muss tatsächlicher demokratischer Kontrolle von Künstlern und Nutzern unterliegen und unabhängig von Staat und Verwertern organisiert sein.

Bevor ihr weiterlest bitte einmal hier entlang und das Kulturwertmark-Konzept incl. FAQ lesen, das sollte die meisten Fragen beantworten. Wir haben leider noch kein schönes Schaubild, das das ganze auf einen Blick übersichtlich macht. Wenn ein talentierter Pixelkünstler uns hier aushelfen könnte, daß wäre total großartig. Und ja, der Name “Kulturwertmark” ist vielleicht auch noch optimierbar, Vorschläge herzlich willkommen.

Ich war in die Entstehung und Kondensation des Ideenkosmos in ein präsentierbares Konzept recht intensiv involviert. Die wichtigsten Grundlagen entstanden in langen Diskussionen und Abwägungen mit Pavel, Erdgeist, Constanze und vielen anderen in- und ausserhalb des Clubs. Wir haben uns fast zwei Jahre Zeit gelassen, weil uns schon klar war, daß die Lösung des Vergütungsproblems und der zukünftigen Zugänglichkeit von Werken eines der dicksten zu bohrenden Bretter in Digitalien ist. Deswegen haben wir dann auch das Konzept mit vielen Kreativen aus allen möglichen Bereichen debattiert, es verfeinert und angepasst, bis es die heutige Form bekam. Möglicherweise kann man das Konzept sogar auf Journalismus, Zeitungen und ähnliche Gebiete ausweiten, wir wollten aber erstmal überhaupt die Diskussion mit neuen Gedanken eröffnen.

Das bei der Umsetzung der Teufel im Detail liegen wird ist uns natürlich auch klar. Die interessensneutrale Strukturierung der Stiftung und vor allem auch das technische und ökonomische Desgin der genauen Regeln für Werke, Auszahlungsmodalitäten etc. um Mißbrauch einzudämmen bedarf einiges an sorgfältiger Arbeit und vermutlich einer Experimentierphase. Wir haben in Deutschland dafür zum Glück genügend intellektuelles Potential. Das die Detailarbeit getan werden muss, sollte uns aber nicht davon abhalten, uns ersteinmal auf grundlegende Prinzipien zu verständigen. Wenn es einen breiten Konsens gibt, daß wir als Gesellschaft die Finanzierung unser Kultur mit mutigen, zeitgemäßen Lösungen wie der Kulturwertmark angehen wollen, werden wir die Details auch zufriedenstellend geregelt bekommen.

Am Ende geht es darum einen fairen Ausgleich zu finden und vor allem von den alten Dogmen runterzukommen. Eines muss man ganz klar sagen: ein Recht auf Reichtum für die Brittneys und Justins dieser Welt ist im Kulturwertmark-Konzept nicht vorgesehen. Es geht um die Finanzierung einer breiten, bunten Schöpfungskultur, um einen neuen gesellschaftlichen Vertrag für die Sicherung unser geistigen Zukunft.

Update: Bisher bester Namensvorschlag kommt von AhoiPollio HuldigungsGulden. Find ich gut :-)

Update2: Auch sehr schön: Culture Crowd Coins (von Fiedel)

PS: Kommentieren ohne das Kulturwertmark-Konzept gelesen und verstanden zu haben ist nicht erwünscht. Ich werde das ausnahmsweise etwas restriktiver handhaben.