Schülerdatei – Datenboykott
Das Abgeordnetenhaus von Berlin hat heute überraschend die Einführung der Schülerdatei für Berlin beschlossen. Eigentlich sah es in der Ausschussanhörung ganz anders aus, der Thema schien soweit vom Tisch. Offenbar war aber mal wieder Verlass auf das Umfallen von SPD und Linken. Angesichts der Datenverbrechenskandale der letzten Monate ist es ganz klar nur eine Frage der Zeit, bis Datenbestände aus der Schülerdatei verloren gehen und mißbraucht werden.
Der derzeit sinnvollste Weg, sich zu wehren scheint mir eine sofortige Mitteilung an die Schule und den Schulträger (falls Privatschule), die eine Datenweitergabe für unsere Kinder untersagt. Da in Berlin eine Schulpflicht besteht und das Gesetz (zumindest soweit ich sehen kann) keine Sanktionen für Datenboykott vorsieht, ist das ziemlich risikoarm. Weiterhin macht es wohl Sinn andere Eltern zu informieren und die Elternvertretungen dazu zu bringen, das Problem gegenüber der Schulleitung zu thematisieren und den Datenboykott schulweit zu organisieren.
Als Kompromiß ist maximal denkbar, die geforderten Daten in anonymisierter Form weiterzugeben, d.h. die im Gesetz aufgeführten Daten ohne Namen und Adresse und nur mit PLZ, Geburtsmonat und Jahr zu erheben und weiterzuleiten. Ich muss gestehen, daß ich das Thema angesichts der vielen anderen Baustellen nach der Ausschußsitzung mental abgehakt hatte und grade erstmal schaun muß, ob schon wer den Widerstand organisiert. Hinweise bitte in die Comments.
Update: Die Humanistische Union hat die Kritikpunkte nochmal ausführlicher dargelegt.
Update 2: der CCC ruft auch zum Datenboykott und hat ein Musterschreiben: hier
Ich habe vor zwei Jahren Statistikboegen gesehen (für
Gymnasien – falls es Unterschiede gibt), die in jedem Halbjahr (glaube ich) an den Senat gesendet werden müssen.
Die erhobenen Daten waren:
SEK 2: (12 – 13)
*Anzahl der Schueler in den jeweiligen Faechern (SEK 2)
*Anzahl pro Geburtsjahr
*Anzahl je Herkunfsbezirk
*Anzahl der Muttersprachler verschiedener Sprachen
*Anzahl der Fehltage pro Jahrgang (entschuldigt/unentschuldigt)
Das meiste davon in Unterteilung maennl./weibl.
Bei der SEK 1 (7-11) im Prinzip die selben Daten, zusaetzlich noch
Fremdsprachen und Wahlpflichtfaecher.
Ich weiss nicht, ob diese Daten ausschliesslich fuer statistische Zwecke verwendet wurden, oder auch zur Bedarfsplanung.
Gerade zu wissen, dass solche Daten zu genuege vorliegen laesst mich arg an der Begruendbarkeit dieser Erhebung zweifeln.
Ich kann mir jedoch vorstellen, vorausgesetzt, die Schuelerdatei würde direkt an die Schuldatenbanken (die gelegentlich noch aus Karteikarten bestehen) angebunden werden, dass die für diese Statistiken zuständigen diese Maßnahme sehr begruessen wuerden. Bei uns nahm die Bearbeitung dieser sehr umfangreichen Statistikbögen immer eine nicht zu unterschätzende Zeit ein.
ch denke das man den Widerstand mittlerweile sehr gut über die Bezirkselternausschüsse (BEA) bzw. den Landeselternausschuss koordienieren könnte. Das Problem ist nur das die meisten Eltern nicht qualifiziert genug sind hier die richtigen Argumente vorzutragen, um die anderen Eltern zu Überzeugen. Ich habe es mir zwar nicht nehmen lassen hier in Spandau die Herren Thomas John und Michael Wilmes vom Senat übel auflaufen zu lassen, aber das dürfte wohl eher die Ausnahme sein.
Die Schulen selbst wollen das System übrigens wohl mehrheitlich auch nicht. Auch haben wohl die Grünen Widerstand angekündigt. Auch denke ich das durchaus die Frage nach den Finanzen sehr viel lauter gestellt werden sollte als dies bisher geschah. Als ich dies ansprach wurden die Eltern sichtlich wütend. Immerhin schiebt wohl allein der Bezirk Spandau rund 90 Mio. an notwendigen Reparaturarbeiten “vor sich her”. Aber für solche “IT-Spielzeuge” ist dann wider genug Geld vorhanden (war polemisch, ist mir klar, hat aber vor Ort gut funktioniert).
Ausserdem kann nach den Arbeitsstunden gefragt werden, welche die Sekretariate damit verbringen müssen um die rund 300.000 Datensätze in dieses weitere System einfließen zu lassen.
Auch auf das Sicherheitsproblem angesprochen drucksten die o.g. Herren reichlich und verunsichert herum. Den Eltern war spontan klar das hier mal nichts sicher ist. Auch ist es hilfreich gezielt die Migrantenverbände anzusprechen und sie darauf aufmerksam zu machen wozu diese Datenbank wirklich gedacht ist.
Ich würde schon sagen das man diesen Anlauf stoppen kann…
Gruß
Sorry, falls eine bloede Frage… Ist sowas eigentlich auch in Bayern geplant?
@Michael: In Bayern ist das schon länger geplant, aber wurde erst auf nach die Wahl und dann der neuen Regierung auf unbestimmte Zeit verschoben. Mehr Hintergrundinfos auf einer Seite vom AK Vorrat München: http://www.schueler-id.de
Hinweis eins: Es gab schon Widerstand, siehe da: http://www.taz.de/regional/berlin/aktuell/artikel/1/hausverbot-im-parlament/
Hinweis zwei: Nächsten Mittwoch wird es eine Demonstration gegen die Schülerdatei geben: 25.02.2009, 16 Uhr, vor der Senatsverwaltung für Bildung http://www.schulaction.org/?q=node/181
Kleine Anfrage:
Hat hier zufällig Jemand eine Liste wie viele Datenverluste allein in Deutschland 2007 u./o. 2008 öffentlich wurden? Oder kennt Jemand wen der eine solche Liste wo veröffentlicht hat?
Vielen Dank
Kurzer Nachtrag:
Ich erfuhr heute das wohl noch immer kein Konzept über die Datensicherung der Schülerdatei vorliegt. Weder in- noch extern. Sprich die haben den Mist beschlossen und wussten nicht einmal wie sie das sicher bekommen, bzw. in welchem “datentechnischen” Zustand die einzelnen Schulen in Berlin überhaupt sind. Von diesen Helden hat bis dato wohl noch keiner einen Fuss in eine Berliner Schule gesetzt, um sich das da mal vor Ort anzusehen.
Was für ein Elend…
@6
Ich kenne jetzt nur eine allgemeine Liste die Datenpannen umfasst:
http://www.daten-speicherung.de/wiki/index.php/F%C3%A4lle_von_Datenmissbrauch_und_-irrt%C3%BCmern
Leider ist diese Wiki recht unbekannt und zu wenige Leute erweitern sie.
[...] Datenboykott gegen Berlins Schülerdatei [...]
@8
Vielen Dank. Jeder Hinweis hilft…