Wird der Chaos Computer Club arriviert?

Weil ich es auch manchmal leid bin immer wieder das gleiche zu schreiben und zu sagen, es offenbar aber gerade wieder mal nötig ist, hier ein Auszug aus dem Editorial der Datenschleuder No. 94 .

Geleitwort

“Wird der Chaos Computer Club arriviert? Sind wir angekommen in den seichten Niederungen des Establishments, in den schattigen Gesprächskreisen an den Lobbyisten-Schnittchenschleudern? Bei flüchtiger Betrachtung kann einem schon der Gedanke kommen. Politiker aller Couleur werfen sich uns mit ausgebreiteten Armen an den Hals oder tun zumindest so, als würden sie beim Grauburgunder unsere fachliche Meinung hören wollen. Selbst der neue Innenminister gibt sich konziliant, erörtert unseren Datenbrief-Vorschlag und macht runde Tische wieder eckig.

Migriert die Mitte der Gesellschaft nun also ins Netz, zusammen mit den Silversurfern aus der Berufspolitikergilde? Fungiert der CCC als eine Art Vermittlungsausschuß zwischen digitalen Zuwanderern und den leicht angenervten Eingeborenen? Ist es also eher so, daß sich die Mitte rein demographisch zwangsläufig auf uns zubewegt? Sterben die analogen Telex-Dinosaurier aus oder müssen sie sich noch im und mit dem Netz arrangieren? Kommen wir in die Rolle des permanenten Erklärbärs oder – schlimmer noch – des Computer-ADAC? Der Umarmungsdruck von allen Seiten ist gerade groß. Allein, der Club ist etwa so gut zu umarmen wie ein Kaktus.

Viele haben es ob der scheinbaren Omnipräsenz in Medien und Gremien vergessen: Alles, was ihr seht, ist reine Freiwilligenarbeit, die von Leuten gemacht wird, die darauf Lust haben. Ob die Congresse, die Datenschleuder, Gutachten fürs BVerfG, die Pressearbeit: Niemand wird bezahlt, niemand gezwungen. Wenn keiner Interesse hat, weil das Thema zu öde ist oder das Gremium zu staubig und unwichtig, passiert auch nichts. Nicht zu müssen, sondern zu dürfen, ist der Kern der Unabhängigkeit des Clubs, nur so können wir unbefangen und unbeeinflußt Stellung nehmen und Expertisen beitragen zu den Themen die uns am Herzen liegen. Stopft also bitte die übersteigerten Erwartungshaltungen zurück in den Schlüpfer!”

Um Mißverständnissen vorzubeugen: natürlich macht der Club auch Fehler, baut mal Mist oder verschlampt irgendwas wichtiges. Dafür lassen wir uns auch gern kritisieren und versuchen uns nachfolgend zu bessern. Der CCC muss aber überhaupt nichts. Siehe oben. Christian Sickendieck bei fixmbr hat die bedauernswerte Situation eines besonders eifrigen Müssen-Rufers dankenswerterweise gut zusammengefasst. Und damit wenden wir uns dann mal wieder der inhaltlichen ergänzt: (und politischen) Arbeit zu und überlassen das Gezänk und Gekreisch den Berufspolitikern.

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