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Windig

Auf der anderen Seite der kleinen Plastescheibe kommt uns der -66 Grad Celsius kalte Wind mit 100 km/h entgegen, erzählt gerade der trockenhumorige Flugkapitän. Macht dann wohl eine halbe Stunde Verspätung. Der Reiseführer ist im wesentlichen Ausgelesen, alle unvollkommenen Wege, die Gliedmaßen im vorhandenen Sitzraumvolumen zu einer Schlafhaltung zu verschränken, vergeblich ausprobiert. Bleibt noch das Sternbildraten über den dunklen Weiten des Nordatlantik. Der steigende Druck auf den Ohren ein willkommenes Zeichen baldiger Ankunft…
(nach Landung gepostet)

Mal was anderes

Die letzte Woche habe ich im wesentlichen mit der Arbeit an der Stellungnahme des CCC zur Vorratsdatenspeicherung fürs Verfassungsgericht zugebracht. Wir publizieren die auch in den nächsten Tagen, sobald das Gericht zustimmt.

Als kleine Belohnung hab ich mir mit ein paar Freunden einen GigaPan Panorama-Robot geklickt und hab grad mal ein paar Panoramen aus dem Luftfahrtmuseum Finowfurt fertiggerechnet, wo am Wochenende die Motodrone war.

hier ist eines . Und und hier und hier noch eine IL-14P .

Update: und so sehen 1.08 Gigapixel aus.

Industriegeschichte: Brikettfabrik

Da eine Winterreise ohne Besuch eines Industriedenkmals nur halb so schön wäre, fiel dieses Mal die Wahl auf die Brikettfabrik Louise . Hier nur ein paar fotografische Impressionen von einigen Details.

Einen Besuch kann ich nur dringend empfehlen. Wir bekamen trotz krassen Winterwetters und Abwesenheit weiterer Besucher eine sehr umfangreiche und lehrreiche Führung von einem ehemaligen Mitarbeiter, der auch gerne auf technische Detailfragen antwortete und immer bemüht war, die einzelnen Anlagenteile ins Gesamtsystem einzuordnen. Die Fabrik steht da praktisch so liebevoll erhalten, wie sie 1991 stillgelegt wurde, mit Anlagen die großenteils aus dem 19. Jahrhundert stammen. Ich war lange nicht so angetan von einem Industriedenkmal. Alle paar Wochen im Sommer werden Teile der Anlage sogar mit Dampf wieder angefahren! Sie haben sich extra einen fetten modernen Dampferzeuger neben die Halle gestellt, um das nach heutigen Umweltschutznormen betreiben zu können. Im Normalbetrieb kamen früher aus der Fabrik enorme Mengen Abgase, Dampf und Kohlenstaub.

Also nochmal: hinfahren. Die Besichtigung ist immer inklusive Führung und lohnt sehr.

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Errichtet wurde die Fabrik direkt über einem damals noch im Handbetrieb untertage abgebauten Braunkohlenflöz, um die sogenannte Feinkohle, d.h. die Bröckchen die fürs Kraftwerk zu klein waren, zu Briketts zu pressen. Später wurde die Kohle dann auch von Tagebaugruben aus der Umgebung herrangekarrt.

Die Kohle diente als Energiequelle für alles was in der Fabrik geschah. Die richtige Menge Dampf in den Kesseln war der wesentlichste Betriebsparameter.

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Hier der Arbeitsplatz eines Heizers, und dies war noch die Luxusausführung.

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Trocknungsmaschine für den Kohlestaub. Knochenhart und gefährliche Arbeit.

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Der Lärm im Betrieb war fast überall über 100dB, die Verständigung zwischen einzelnen Stationen war nur mit Glocken, Hupen und einem Sprechrohr möglich.

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Der allgegenwärtige explosive Kohlestaub erforderte drakonische Arbeitsschutzmaßnahmen.

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Um die trockenen Bergmannskehlen zu schmieren und den Knochenjob wenigstens einigermaßen erträglich zu machen gab es Zuteilungen von steuerfreiem Trinkbranntwein. Weiterverkauf strafrechtlich verboten. Man beachte die unprätentiöse Abfüllung in Bierflaschen mit Kronkorken.

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Diese Brikettpresse aus dem 19. Jahrhundert lief bis 1991 und hat das letzte Stück Kohle im Regelbetrieb gepresst.

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So sah das Ergebnis all der Mühen dann aus.

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Sehr spannendes Bit: die kleinen Punkte auf den Briketts geben Auskunft über die Herkunft des Kohlestücks.

Am Wegesrand

Was mit als erstes (neben den vielen “To Sell” und “To Let”-Schildern an den Häusern) auffiel war die Struktur der Fernsehwerbung. Die besteht gerade zu je einem Drittel aus Hyptotheken-Rettungsdarlehen und Refinanzierungen, Werbung für ungesundes Essen und Werbung für Medikamente gegen Krankheiten die man von zu viel Stress wegen der Hypotheken und zu viel ungesundem Essen bekommt.

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Der obligatorische Hotelzimmerblick.

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Verrottende Bahnbrücke mit Schwänen und Obdachlosen.

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500m weiter, Ivy St. Ecke Essex. Hier wohnt es sich ultrabeschaulich und gänzlich unaufgeregt…

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Im Falle radioaktiven Fallouts ist man in der Theologischen Fakultät gut aufgehoben. Zur Not ist bestimmt auch Fachpersonal für die letzte Ölung zur Stelle…

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CeBit und andere Absonderlichkeiten

Ja, es ist mal wieder diese Zeit des Jahres. Der Stand war lange gebucht und auch schon bezahlt und die Deko fertig. Also liessen wir uns von kleineren Horrormeldungen nicht abschrecken und begaben uns mittels eines äusserst artgerechten Transportmittels Richtung Hannover.

In einem wirklich dicken Auto mitfahren, ist ein bisschen wie Thunfischsteaks essen: Beides wird man nicht mehr länger als 15 Jahre tun können, es ist ziemlich angenehm und irgendwie mangelt es mir ob des damit verbundenen Genusses und der nur seltenen Gelegenheit doch deutlich am schlechten Gewissen. Eigentlich will ich ja doch noch möglichst viel von der Welt sehen und geniessen, die gerade vor die Hunde geht… Ãœberhaupt so eine knifflige Frage: wo ist die Grenze zwischen sinnvoller Selbstbeschränkung, die wirklich etwas bringt und sinnloser Selbstkasteiung aus vermeintlich moralisch hochwertigen Motiven. Das muss wohl jeder für sich selbst beantworten. Allerdings kann es nicht mehr lange dauern bis der kollektive Gutmenschen-Gruppendruck einsetzt. Im besten Falle wird es ein schöner Konsum-Trend zu planetenfreundlicheren Produkten sein, die einfach cooler, hipper und nützlicher sind.

Nunja. Als karmischen Ausgleich gab es dann ca. 20 km vor Braunschweig einen Massenstau, der uns zu frustrierendem Herumgewarte zwischen hunderten dicker stinkender LKWs zwang. Ein Mitreisender wusste zu berichten, daß selbst bei Industrieunternehmen, die echt unhandliche Teile zu verschicken haben, die beim Strassentransport Stress machen, der Trend zum LKW geht. Ein wesentlicher Grund ist, daß die Bahn wohl nicht ganz selten ganze Lieferungen für ein paar Wochen oder auch für immer verbummelt. Die sind dann geklaut oder vergammeln einfach auf irgendeinem Abstellgleis. Noch so ein Problem ist, daß die durchschnittliche Transportgeschwindigkeit wg. ausgedehnter Ruhepausen der Bahn eher unattraktiv ist. Und deswegen stehen dann jeden Tag zehntausende LKWs auf der Strasse rum und ruinieren die Welt in vielerlei Aspekten.

Mittlerweile plagte uns ein deutlicher Hunger, also fuhren wir die nächste Raststätte an. Ich fragte noch, ob wir vielleicht lieber mit dem Imbissangebot der anliegenden Tankstelle vorlieb nehmen wollen, aber am Ende landeten wir in einer Zeitblase namens “Autobahn-Raststätte Zweidorfer Holz (Nordseite)”. Nach passieren des – geschickt als Eingangstür getarnten – Dimensionsportals fanden wir uns ca. 1982 im tiefen Westen wieder. Die Dekoration, der Geruch, das Publikum, das “Speisen”angebot, alles perfekt. Wir entschieden uns für etwas das auf der auf bleichgrünem Papier schreibmaschinengetippten Tageskarte als “Holzfällersteak mit Bratkartoffeln” ausgewiesen war.

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No comment.

Unser vegetarisch veranlagter Chefpilot riskierte das “Omelett mit Champions” und, man mag es kaum glauben, traf damit eine noch schlechtere Wahl. Das Omelett bestand aus einem Fladen aus gegartem Ei, in dem sich eine Handvoll “Champions” befand, begleitet von ein bisschen welkem Salatrest mit Hollandtomate. Die “Champions” waren nicht etwa frisch und mitgebraten, nein, in dieser Zeitblase kamen sie direkt aus der Dose nach unvollständigem Abtropfen in den Eierfladen. Der darauf angesprochene Kellner, offenbar ein Mitglied der stolzen Betreiberfamilie Werthmann, hatte auf die indignierte Nachfrage nur die unwirsche Antwort “Das wird hier so gemacht”. Dem blieb nichts hinzuzufügen.

Aus irgendeinem unerfindlichen Grund war in dieser Zeitblase der DM-Preis direkt 1:1 in Euro zu entrichten. Am Ausgang, wo es noch Schokoriegel und Filterkaffe aus den Händen des öffentlich lautstark streitenden Personals gab, waren noch andere frustrierte Stauinsassen anzutreffen, die ihrer Verwunderung über die Absonderlichkeiten der Zeitblase unverblümt Ausdruck verliehen. Am Ende waren wir froh entkommen zu sein. Die Folgeschäden beschränkten sich auf ein Magengefühl, welches ähnlich, aber nicht identisch, dem voll-aber-nicht-satt-Gefühl ist, daß sich nach dem Besuch von Burgerbratereien aka. “Schnellrestaurant” aka. “Systemgastronomie” einstellt.

Ein weiterer Vorteil eines wirklich dicken Autos ist, daß man problemlos aufs CeBit-Gelände fahren kann. Wir konnten also bis vor die Halle gleiten, den Stand ausladen und mit Hilfe der heiligen Verbindungstechnik-aus-dem-Westen-Quadriga aus Heisskleber, Tacker, Doppelklebe/Gaffaband und Kabelbinder zügig aufbauen. (Na gut, Heisskleber brauchten wir diesmal nicht, aber Ehre, wem Ehre gebührt). Der Rest des Abends war eher ereignislos, abgesehen von der bedrückenden Bombenteppichhausen-Architektur der Hannoveraner Stadtteile, in ihrer Hässlichkeit sorgsam komplementiert durch gnadenlos die letzten Reste von Architektur vernichtenden Schnellstrassenschneisen.

Am nächsten Morgen fing dann die CeBit an. Der Niedergang ist nicht mehr wegzudiskutieren. Halbe Hallen sind abgetrennt, die andere Hälfte voll mit halbleeren Ständen, deren Aussteller von der plötzlichen kostenfreien Zuteilung nicht genutzter Restflächen etwas überrascht waren. Obskurste Firmen und Gruppierungen haben offenbar die Gunst der billigen Stunde genutzt. Die Transzendentale Meditation hat einen deutlich großzügigen Stand unter dem Dach einer Uni installiert. Unter der Ãœberschrift “Wir machen Deutschland unbesiegbar!” wird wissenschaftlich dekoriert für die Innovationskraft der deutschen Industrie meditiert. Sehenswert (leider ist das Foto nix geworden, vielleicht kommt ja ein Leser noch da vorbei).

Am Abend begaben wir uns auf die Suche nach einem griechischen Restaurant auf der Hildesheimer Strasse, das meinen Reisegenossen letztes Jahr gute Dienste geleistet hat. Leider war offenbar der Pleitegeier oder die Hygenieinspektion schneller. Wir landeten also in einem Etablissement namens “Griechische Botschaft”, das leider nur eine eher mäßige Speisequalität zu bieten hatte. Wirklich abschreckend und eine ausdrückliche Warnung wert sind die Pommes dort. Zur Verdeutlichung hier ein Dokumentationsbild. Wir amüsierten uns damit, zu rätseln wie sie es schaffen, diese fettig-halbgar-labberige Konsistenz zu erzielen. Ich erspare Euch die Details.

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Inzwischen bin ich wieder in Berlin, die vorzeitige Abreise wurde durch mein leider immer noch lädiertes Knie notwendig (ich erspare Euch auch hier die Details).

Barcelona

Ich war eine Woche in Barcelona, auf der 3GSM-Messe. Die Messe war im wesentlichen erwartungsgemäß, deswegen kommentiere ich dazu auch nicht viel. Ihr habt sicher die endlosen Berichte auf den einschlägigen Seiten über die neuesen Gadgets gesehn. Wozu man Digital-TV auf seinem Telefon braucht habe ich immer noch nicht verstanden, aber wenn es zu mehr Bandbreite in der Hosentasche führt, von mir aus…

Barcelona war total super. Ich hatte nicht allzuviel Zeit (bzw. messebedingt auch nicht allzuviel Energie) für ausführliches Sightseeing, aber das was ich gesehen habe hat mir ausnehmend gut gefallen. Unten ein paar Bilder die so über die Woche entstanden sind.

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Nicht sehr stilsicheres Restaurant auf der 3GSM Messe

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Mit solchen Schlössern sind die Rolläden an den Läden nachts gesichert

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Sehr stilvoller Türspion an der Appartmenttür

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Metrostation mit ausreichend Sitzfläche

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Die Innenstadt ist ziemlich dekorativ, wenn auch mit reichlich Luftratten (aka. Tauben) geplagt

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Sicher sehr symbolisches Hausdetail (weiss jemand die Deutung?)

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Geschmackvoll in die Fassade integrierte Videoüberwachung

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Coole Steampunk-Style Seilbahn über den Hafen

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Fische im Hafen

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Theaterschiff im Hafen

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Sehr schicke Rekonstuktion des ersten dampfgetriebenen hölzernen U-Boots der Ictineo II.

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Äusserst nachahmenswert: Bücher-Automat in einer Metrostation

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Nachts, irgendwo in Barcelona

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Protestdemonstration vor der 3GSM-Messe gegen Mobilfunkmasten. Es waren nicht sehr viele Demonstranten, aber sie hatten ein Megafon dabei und brüllten rythmisch “Antennas NO…” und waren allgemein sehr aufgebracht. Man beachte die lustigen Mützen der Polizisten.

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Bemerkenswerte Benennung eines Familienplanungsinstituts. Ob das Personal da im Zweifel diskret selbst spendet?!

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Kirche oben auf dem Berg, neben einem Rummelplatz

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Blick aus einer Bar oben auf dem Berg

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Und weils so schön war…

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… hier die Koordinaten der Bar.

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Und, ja, das Wetter war grossartig. :-)

Wo der Strom herkommt

Am Ende eines Ausflugs in den Spreewald folgten wir den Karten- und Wegweiserhinweisen mit der Aufschrift “Tagebau-Aussichtspunkt” zu einem Wall am Rande des Tagebaus Jäntschwalde (es könnte auch Cottbus-Nord gewesen sein…). Weitwinkel-Fotos vermögen das Ausmass der Braunkohle-Mondlandschaft nicht wiederzugeben.

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Förderbandidyle mit Bagger

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Zum Grössenvergleich: ein Mensch ist etwa so hoch wie die Raupenketten auf denen das Monster fährt.

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Vattenfall (ex Laubag) hat ein lustiges Verständnis von Alternativ-Energie. Diese 0.5MW Windturbine haben sie mal so demonstrativ und fotogen vor das 3000MW Kohlekraftwerk im Hintergrund gestellt (sie protzen damit stolz in so einem pseud-Umweltimageflyer herum).

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Sehr hübsch auch die stilvolle Bemalung des Stromkastens der die Drainagepumpen (Vordergrund) versorgt. Da kommt doch wirklich Freude und Hoffnung auf, besonders für den Frosch (nicht zu reden von den weggebaggerten Dörfern…).

Der Bericht aus Cottbus (Teil I)

(Dies hier ist erstmal meine privat-persönliche Reflektion, einen sachlicheren und allgemeingültigeren gemeinsamen Report der CCC-Wahlbeobachtergruppe gibt es in den nächsten Tagen. Ich verlinke dann hier. Teil II des Berichts und Korrekturen an Teil I gibt es morgen, ich bin gerade doch zu müde zum weitertippen.)

Eine Chance, Nedap-Wahlcomputer im ganz praktischen Einsatz zu sehen, gab es diesen Sonntag in Cottbus. Aus einem ziemlich absurden Lokalpolitik-Sumpf spross die buntgescheckte Blume einer Oberbürgermeister-Neuwahl. Cottbus hat sich trotz horrenden Haushaltsdefizit den Luxus von 74 Nedap ESD1-Wahlcomputern gegönnt. Allerdings, wie wir heute Abend erfuhren. durch eine Haushaltssperre bedingt erstmal nur geborgt und noch nicht gekauft. Diese Chance konnten wir uns natürlich nicht entgehen lassen.

Ziel der Expedition war primär, so eine Nedap-Wahl mal Live & in Farbe zu beobachten. Nachdem sowohl der Hersteller als auch die PTB zugegeben haben, daß die Wahlcomputer problemlos manipulierbar sind, konzentriert sich die Argumentation der Nedap-Fetischisten auf die “prozuderale Sicherheit”. Alles sei super versiegelt, ständig unter Kontrolle, werde in geschützten Umgebungen gelagert. Da kommt keiner ran zum manipulieren und deshalb sind Wahlcomputer total vertrauenswürdig, so die öffentlichen Verlautbarungen. Das wollten wir uns natürlich mal etwas genauer ansehen.

Durch Anreise am Vorabend konnte ich mich, wenn auch mit arger Mühe, um eine äusserst grauenvolle Uhrzeit aus dem Bett hinaus in die Dunkelheit quälen, um rechtzeitig zur Inbetriebnahme des Wahlcomputers in einem nahegelegenen Wahllokal zu sein. Durch die Tageszeit bedingt war mein Orientierungssinn nur teilbetriebsfähig. Ich traf daher knapp zu spät im Wahllokal ein, die Kiste war schon aufgeklappt und angeschaltet. Die Dame vom Wahlvorstand meinte, auf mein Ansinnen die Inbetriebnahme beobachten zu wollen, nur trocken “Da müssen sie etwas früher aufstehen, junger Mann…”. Noch früher aufstehen hätte wahrscheinlich dazu geführt, daß ich noch orientierungsloser durch die Gegend stolpere und wäre damit vermutlich auch nicht zielführend gewesen. Das behielt ich aber mal lieber für mich. Sie war dann, nach kurzer laute vorgetragener Ãœberlegung ob die “Vorbereitung” des Wahlcomputers auch öffentlich sei, was ich mit einem selbstsicheren “ja, das steht so im Wahlgesetz.” beantwortete, aber doch bereit, mir das Inbetriebnahmeprotokoll zu zeigen und zu erläutern was sie so getan haben.

Die Nedap-Kiste wurde gegen 6.30 angeliefert. Das hat mir der Hausmeister erzählt, der hat sie angenommen, weil vom Wahlvorstand war noch niemand da. Die Wahlvorsitzende erklärte mir, daß sie beim betreten des Wahllokals den Wahlcomputer schon vorfanden, auf dem Tisch, verplombt. Daraus folgern wir messerscharf: die “geschützte Umgebung” für den Wahlcomputer bestand für mindestens 15 Minuten aus einem unverschlossenen Raum und einem mindestlohnempfangenden Schulhausmeister im fast-Rentenalter. Nichts gegen die persönliche Integrität des Hausmeisters, aber eine “geschützte Umgebung” sieht selbst bei gutwilligster Betrachtung anders aus… Der gleiche Vorgang, mit leicht unterschiedlichen Zeitfenstern für eine mögliche Hausmeister-gestützte Manipulation, wurde auch in mehreren anderen Wahllokalen in Schulen bestätigt. Ein Innentäter (wie sie in der Politik eher wahrscheinlich sind) würde natürlich weit bessere Zugangsmöglichkeiten nutzen, aber für einen Aussentäter ist das Kontrolloch schon echt attraktiv, weil einfach per social engineering auszunutzen.

Nach Ankunft des Wahlvorstands wurde nun gemeinsam de Plombe entfernt, mit der die Kiste im zentralen Wahlbüro verschlossen worden war. Dabei handelt es sich um eine echt altmodische Bleiplombe die eine Drahtschlaufe sichert. Ein Do-it-yourself Plombier-Kit für den ambitionierten Power-Voter gibt es hier für unter 100 Euro. Braucht man nur noch einen passenden Plombenstempel, der sich aus dem Abdruck einer Plombe ohne weiteres erstellen lässt. Die Plombe nebst Draht wurde dann zeremoniell im Wahlprotokoll verewigt..

Das Gehäuse der Rechnerplatine im Wahlcomputer wies interessanterweise zwei Siegel auf. Eines von Nedap, leicht aufgewertet durch den Einsatz von Plaste statt Papier (wie es noch in der ZDF-Doku zu sehen war) und eine kleines schwarzes von der PTB. Vermutlich wurde das nach der Sonderprüfung angebracht.

In dem Nedap-Koffer befindet sich dann noch der Ausdruck (vulgo Konfigurations-Kassenzettel) mit den Parametern, die im zentralen Wahlbüro eingestellt wurden. Der Ausdruck umfasst Stimmbezirk, Kandidaten, Stimmmodul-Nummer, Prüfsumme der beiden ROMs und ähnliches. Frappierender Weise wird im Wahllokal die Prüfsumme nicht gegen den Wahlcomputer verifiziert . Die Wahlvorstände konnten durchweg mit dem Begriff “Checksumme” der auf dem Kassenzettel steht nichts anfangen. Falls es eine Prüfsummen-Prüfung gab, wurde die im zentralen Wahlbüro durchgeführt. Wie alles dort unter Ausschluss der Öffentlichkeit, und damit faktisch gegen Insiderangriffe total wertlos. Es ist natürlich klar, daß so eine aus einer Blackbox generierte Checksumm keinen ernsthaften Schutz gegen manipulierte ROMs bietet, die würden einfach darauf programmiert werden die korrekten Prüfsummen anzuzeigen. Nichts leichter als das. Das die Wahlcomputer-Fetischisten aber nichtmal den Anschein von Sicherheit gegen Softwaremanipulation oder wenigstens gegen EPROM-Fehler wahren, den so eine selbstgenerierte Prüfsumme bildet, fand ich dann doch schon bemerkenswert. Die Konfigurations-Kassenzettel, die im zentralen Wahlbüro erstellt wurden, waren laute Unterschriftendatum bis zu zehn Tage alt, d.h. so lange standen die Nedap-Kisten da mindestens im Lager.